Inspektor Dr. (?) Buchinger

Ist Chefinspektor Buchinger ein gewöhnlicher Mensch? Mayer behauptete ja einmal, das einzig Auffällige an Buchinger wäre seine Unauffälligkeit.

Wenn man unter „gewöhnlich“ „ordinär“ verstehen will, sicher nicht. Man denke nur an seine Vorliebe für barocke Musik, insbesondere Kantaten, und an seine Leidenschaft für korrekte Sprachverwendung, insbesondere für die regelkonforme Stellung der Personalform. Die Frage ist vielmehr: Ist Buchinger normal im Sinne von angepasst?

Was für die These spricht, Buchinger sei ein ganz normaler Mensch: Er ist geschieden. Dieses Schicksal – Buchinger würde sagen: diese glückliche Fügung – teilt er mit knapp 50% der ehemals Verheirateten. Er ist im Dauerkrieg mit seinem Nachbarn. Er hat Probleme mit der Obrigkeit. Da er aus Wels kommt, hält er sich für einen Städter (!), der sich nicht gern mit Landeiern wie jenen aus Stadl-Paura abgibt. Diese Überheblichkeit ist leider nicht selten, wie Buchinger ab und zu bei Kontakten mit den Kollegen aus Linz und Wien erfahren muss. Da ist nämlich er das Opfer der Überheblichkeit. Er liebt technische Gadgets und Bier. Welcher Mann tut das nicht? Er macht sich erst in fortgeschrittenem Alter Sorgen um seine Gesundheit. Seine „logischen“ Schlüsse gehen nicht selten in die Irre. Schöne Frauen gefallen ihm besser als schiache. Er hat ein Sofa in seinem Wohnzimmer.

Was dagegen spricht: Er hat ein Sofa in seinem Wohnzimmer, aber nur als Relikt seiner Versuche, so zu sein wie die anderen. Oder: Mayer hat uns einst in einem vertraulichen Gespräch anvertraut, nicht einmal Bellucci wisse, wo Buchinger seinen Doktortitel gemacht habe. Normal ist das ja wirklich nicht. Bei Buchingers Leidenschaft für verbotene Transaktionen im darknet ist es leicht möglich, dass der akademische Titel nichts anderes ist als ein Fake. Um seine Chefin zu ärgern? – Weiters: Ganz Österreich scheint kein anderes Ziel zu haben als die Pensionierung, nur Buchinger möchte weiterarbeiten. Er würde am liebsten auch mit 65 noch nicht in den „wohlverdienten Ruhestand“ gehen. Vielleicht ist er gar kein Österreicher? Oder nicht ganz normal? – Noch ein Beispiel: Buchinger sieht überall Zusammenhänge: Er sucht nach arithmetischer Ordnung in Zahlenfolgen, er kann Zeugenaussagen wortgetreu wiedergeben wie ein Autist (man denke nur an den Drohbrief, in dem er ziemlich rasch eine verblüffende Parallelität auffinden kann).

Traun

1. mhd. traun, eine Interjektion mit der Bedeutung fürwahr, wahrhaftig. Unseres Wissens besteht kein Zusammenhang zu den geografischen Namen Traun (Fluss bzw. Stadt).

2. Das Buchstabenmaterial von „Traun“ ist unbestritten eine fruchtbare Quelle für Anagramme. Aus den fünf Zeichen lassen sich stolze fünf sinnvolle Wörter konstruieren: Traun – Natur – Unrat – Unart – traun

3. Stadt in Oberösterreich, Bezirk Linz-Land

4. Der Fluss Traun gehört zu den mächtigsten identitätsstiftenden Kräften Oberösterreichs. Die Traun entspringt zwar im steirischen Teil des sog. Toten Gebirges, prägt aber das Erscheinungsbild und über Jahrhunderte auch das Wirtschaftsleben nicht nur des berühmten Salzkammerguts, sondern auch des Voralpenlandes bis Linz. Sie ist Namensgeberin einer Stadt und eines ganzen Viertels von Oberösterreich, des Traunviertels. Auf ihrem Weg durchfließt die Traun mehrere Seen, darunter den Hallstätter See und den Traunsee, und sie passiert das für die oberösterreichische Seele nicht minder wesentliche Massiv des Dachsteins und vor allem den Traunstein am Traunsee. Für einen echten Oberösterreicher ist nicht nur klar, dass die Jahrhunderte währende Streiterei, zu welchem Bundesland der Dachstein eigentlich gehöre, zugunsten seiner Heimat entschieden werden müsse, sondern auch, dass er zumindest einmal in seinem Leben den Traunstein erklommen hat. Insofern ist die Traun, die ihr Gesicht von der Quelle bis zur Mündung zigmal verändert, für das Selbstverständnis der hier ansässigen Menschen mindestens ebenso bedeutend wie der Linzer Pöstlingberg oder die Enns oder die Donau, die man sich ja bekanntlich mit vielen Regionen vom Schwarzwald bis zum Schwarzen Meer teilen muss. Die Traun hingegen ist fast pures Oberösterreich. Vom Salzkammergut her kommend, kämpft sie sich nördlich von Gmunden wild durch die sog. Traunschlucht und tritt bei Stadl-Paura ins Alpenvorland ein. Hier, in Stadl-Paura, der Metropole des Voralpenlands mit den schönsten Frauen und der in weitem Umkreis beneideten Lebenslust, passiert die Traun den berühmten Altaussteiger, einen historisch bedeutenden Ort (→ siehe dazu auch den genialen philosophischen Roman „Altaussteiger“).

 

Zur Entstehung

Wer einmal die Geschichte von der schiffbar gemachten Traun gehört hat, nämlich wie die Salzschiffe gleichsam auf einer Rutschbahn von Gmunden nach Stadl-Paura gerauscht sind, der kann sich dieser Faszination kaum entziehen.

Weiters ist die Traun in diesem Abschnitt von einer funkelnden Schönheit und Unberührtheit, wie ihr Anblick weiter flussabwärts, in der Gegend von Linz, nicht vermuten ließe: Dort ist sie ein träger, bleierner, trüber Fluss.

Drittens haben die einzelnen Teilstrecken sprechende Namen, die zum Erfinden von Geschichten anregen: Diebshaus etwa (kommt im Roman vor) oder der ebenfalls wirklich existierende „Altaussteiger“. Heute erinnern lediglich zwei Felsen an diese Stelle. Wer schließlich das verträumte Museum der Schiffleute besucht, ein wunderschönes Haus aus dem 17. Jahrhundert (kommt im Roman vor), den lässt die Geschichte der Salzschifffahrt nicht mehr los. Die Ambivalenz der Gottesfurcht und gleichzeitigen Aufmüpfigkeit der Salzschiffer ist eine derart faszinierende Angelegenheit, dass man sich ihrer lediglich mit dem Schreiben (oder dem Lesen) eines Romans namens „Altaussteiger“ erwehren kann.

Klappentext

Inspektor Buchinger hat alles, was ein unglückliches, also normales Leben ausmacht: eine schwierige Chefin, kleine Neurosen und Träume von unerreichbaren, schönen Frauen. Und jetzt auch noch die Morde in Stadl-Paura!

Was ist der Schlüssel zur Aufklärung der Verbrechen? Eine ungekannte Lebenslust, die Psychologie des Neides oder die Sehnsucht, die Zeit aufzuhalten und zu regulieren wie einen Fluss? Die Rivalität zwischen dem traditionsreichen Stift Lambach und den rebellischen Salzschiffern macht die Ermittlungen nicht gerade einfach. Wird Buchinger mit seiner Neigung zu falschen Schlüssen die bestialischen Mordfälle aufklären können? Ein philosophischer Krimi!

Traunschifffahrt

Im Jahre 1911 endete eine für Oberösterreich einzigartige Tradition, die Salzschifffahrt an der Traun. Der Transport des weißen Golds von Gmunden nach Stadl-Paura brachte über Jahrhunderte Wohlstand in die Gegend, er gab Männern aus zahlreichen Generationen Arbeit in innovativen und hochgeschätzten Handwerksberufen und veränderte mit geschickten baulichen Maßnahmen den wilden Flusslauf der Traun nachhaltig. Eine Ortschaft sollte ihren Namen von den Bauten bekommen, wo das Salz in andere Boote umgelagert wurde, damit es auf der ab hier seichteren Traun weiter in Richtung Linz und Wien transportiert werden konnte: Stadl-Paura. Bereits 1825 hatte sich der Staat aus dem Salztransport zurückgezogen und so den unaufhaltsamen Niedergang eines Gewerbes eingeleitet, das über Jahrhunderte eine Erfolgsgeschichte geschrieben hatte, die ihresgleichen sucht. Die Geschichte beginnt im 13. Jahrhundert mit Königin Elisabeth, die als Erste die ökonomische Bedeutung des aufkeimenden Handels mit Salz nicht nur erkannte, sondern auch förderte. Eine kenntnisreiche Arbeiterschicht entstand, deren Selbstbewusstsein legendär wurde: Ein Schiffer zieht vor niemandem den Hut, nur vor Gott. Mitte des 19. Jahrhunderts versetzte schließlich die hochmoderne Pferdeeisenbahnlinie Gmunden – Budweis den Schiffleuten den endgültigen Todesstoß, da halfen auch Gesten revolutionären Aufbegehrens nichts mehr.

1916 wurden die letzten, inzwischen sinnlos gewordenen Stadln abgerissen, knapp 100 Jahre später wurde zur Erinnerung an die Bedeutung, die die Salzschifffahrt für die Bevölkerung erlangt hatte, wieder ein Salzstadl errichtet. Das Schiffleutmuseum in Stadl-Paura dokumentiert liebevoll den Aufstieg und die Traditionen einer ausgestorbenen Zunft, die von der Geschichte buchstäblich überrollt wurde – man denke nur an die Pferdeeisenbahn. Wer mit wachem Blick von Stadl-Paura flussaufwärts wandert, kann in der Traun und an deren Ufern noch heute Zeugen einer grandiosen Geschichte entdecken, in ihrer Entstehungszeit geniale Bauwerke zur Schiffbarmachung der rabiaten Traun: im Wasser versunkene Fundamente von Wehren oder Schlachten, an denen die Salzschiffe entlangschrammten, und nicht zuletzt zwei Felsen, die letzten Überreste des sog. Altaussteigers (→ Altaussteiger, auch: Altausspringer).

 

Bellucci

eigentlich Monica Bellucci. Eigentlich weiß niemand ihren Namen, ihren wirklichen Namen. Zumindest ist es so, dass kein Mensch ihren Namen verraten will, auch der Autor nicht. Phänomenale Erscheinung (Buchinger würde sicher aufschreien: „Diese Formulierung ist ein furchtbarer Pleonasmus!“, Mayer würde gar nichts merken – wer kann denn heute noch Altgriechisch?) in Stadl-Paura.

Buchingers Syllogismus ist wasserdicht: „Jede Frau ist ein Rätsel. Bellucci ist eine Frau. Also ist sie ein Rätsel.“ Wie aus dem Lehrbuch für Prädikatenlogik, erstes Semester. Worin besteht nun das Rätsel, Bellucci betreffend? Dass sie das Rezept für Apfelstrudel nicht verrät? Dass niemand weiß, was sie eigentlich im ersten Stock treibt, während Armstrong im Keller seinen Flugsimulator zum Glühen bringt? Dass sie wohl niemals verraten wird, warum sie Buchinger im Schiffleutmuseum besuchte und was sie dort – und hier passt das Verb nun besser als im letzten Satz! – getrieben hat?

 

Offene Fragen

Der Fall Stadl-Paura ist geklärt und alle Fragen sind beantwortet. Wirklich alle Fragen? Alle?

Da bleiben doch einige quälende Unsicherheiten. Etwa:

1. Buchingers Studium: Was hat Buchinger eigentlich studiert? Mathematik? Semiotik? Philosophie? Psychologie? Jus? Gar nichts? ….

2. Bellucci und Buchinger: Buchinger bekommt den „schnellen Charakter“ Armstrongs zu spüren. Armstrong ist offensichtlich nicht ganz entspannt, wenn er Buchinger sieht. Zurecht? War da was zwischen Bellucci und Buchinger im Schiffleutmuseum?

3. Da ist doch diese Geschichte mit dem Tod auf Buchingers Terrasse: Wo kommt der her? Steckt sein faschistoider Nachbar dahinter? Gibt es einen Zusammenhang mit den Ermittlungen zu den Vorfällen in Stadl-Paura? Soll Buchinger beeinflusst werden? Wenn ja, in welche Richtung?

4. Monica Bellucci, die rätselhafte Person: Ist sie nun unschuldig oder nicht? Buchinger ist sich ja ganz sicher: „Unklar blieb, ob Monica Bellucci zu den Verdächtigen gehörte. Dass sie nicht unschuldig war, stand jedenfalls außer Zweifel.“ Wenn er sich da nicht getäuscht hat! Noch dazu mit doppelter Verneinung! Was ist in diesem Fall überhaupt mit „unschuldig“ gemeint?

5. Wer ist eigentlich der Autor (die Autorin) des Romans? Über lange Strecken sieht es ja so aus, als wäre Roland Luft der Mann, der die Fäden in der Hand hält. Aber Zweifel sind berechtigt: Mayer, der überaus pflichtbewusste Mayer drängt sich auf, er protokolliert ja über 200 Seiten lang alles aufs Genaueste! Just eine ganz prägnante Stelle lässt uns vermuten, dass auch Mayer nicht alles weiß – vielleicht ist doch Bellucci die Autorin, denn alles oder zumindest viel zu wissen ist bestimmt eine weibliche Eigenschaft. Oder lacht sich gerade ein allwissender Erzähler krumm über diese Hypothesen, die er (sie?) selbst uns als falsche Fährten legte?

Altaussteiger

Alt|aus|stei|ger, der, Nomen, mask.:  (→ siehe auch: Altausspringer) 1. Stelle an der schiffbaren Traun zwischen Gmunden und Stadl-Paura. Hier stiegen bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts die älteren Schiffer aus und machten sich auf den Rückweg nach Gmunden. Die Verkürzung des Fußwegs sollte das Leben für die Arbeiter leichter machen; gleichzeitig half diese Lösung Hafengebühren sparen, die sich unter anderem nach der Anzahl der Schiffer auf den Salzschiffen, den sog. Traunern, bemaßen. 2. (metaphorisch) älterer Mensch, der aussteigt, d.h. sich den Normen der Gesellschaft durch Denken und/oder Handeln zu entziehen sucht (, nachdem er sich diesen ein Leben lang brav untergeordnet hatte); in unseren Breiten meist zivilisations- bzw. konsumkritische Haltung (→ siehe auch: Hippies, Althippies, Alt68-er). Häufig pejorativ verwendetes Synonym für Loser oder Sozialschmarotzer, vor allem durch die Beobachtung beflügelt, dass es vielen Alten ökonomisch sehr gut geht, während die Jungen bluten. 3. genialer philosophischer Roman von Roland Luft (September 2017, Verlag Nina Roiter) mit Anleihen aus der etwa 3000-jährigen Philosophiegeschichte.