Präsentationen

Auch Chefinspektor Buchinger kennt diesen Verdacht: Was, wenn alles nur eine geschickte Inszenierung wäre? Was, wenn die Besucher der Präsentationen des Altaussteigers nur kämen, um dem Autor sein schweres Leben zu erleichtern? Wenn es gar nicht um seinen Roman ginge, sondern um eine extrem wohlwollende Behandlung eines Menschen, der dieses Wohlwollen nötiger hat als alles andere?

Diese finsteren Gedanken ließen mich schon während der ersten Lesung in Stadl-Paura, als ich bereits VOR der Präsentation zig Bücher signieren durfte, an der Realität des Wahrgenommenen zweifeln. Ebenfalls eine Attitüde Buchingers übrigens! Über 100 Besucher! In Wels noch mehr! Dann eine Lesung in Linz, für das gebürtige Stahlstadtkind eine besondere Freude! Schließlich Schlierbach, eine Lesung aus erhabener Perspektive, im hell erleuchteten Kubus des Stifts hoch über dem Kremstal! Was für ein herzlicher Empfang in Marchtrenk! Zu guter Letzt eine Audienz im oberösterreichischen Olymp der Literatur, im Stifterhaus: Naturgemäß – wie Thomas Bernhard seinen Protagonisten hätte sagen lassen – naturgemäß nicht wirklich das Ambiente Buchingers. Bellucci hingegen schien die ernsthafte Eleganz und Schönheit dieses Hauses wie auf den Leib geschneidert!

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Linz, Stifterhaus, 8.2.2018

Zugegeben, es ist nicht New York, Berlin und Tokio: Aber, ehrlich – was täte ich dort? Mein Japanisch ist ziemlich schlecht.

Und vor allem: Überall, wo sich der Altaussteiger präsentiert, werden die unglaubliche Begegnung mit Bellucci, der Ort außerhalb der Zeit, die Exkurse in die Geschichte und die Philosophie und die Versuche der Schiffer zur Verzögerung der Zeit mit Begeisterung aufgenommen. Der Unterhaltungswert der Präsentationen ist groß, so ist zu vernehmen. Die Welle der Empathie, die über den Autor hereinbricht, ist mehr als groß. Mehr als sehr groß. Gar nicht so leicht, das auszuhalten, wenn man nicht damit gerechnet hat!

Herzlicher Dank meinen Leserinnen und Lesern!

Herzlicher Dank den Besucherinnen und Besuchern der Präsentationen!

Herzlicher Dank all jenen, die mir Rückmeldungen geben und gaben, die sich mit mir über den Roman austauschen! Was für ein tolles Gefühl!

20.9.2017 Stadl-Paura, Salzstadln

11.10.2017 Wels, Maximiliansaal Hotel Greif

17.10.2017 Linz, Kulturquartier Ursulinenhof

3.11.2017 Schlierbach, Café Panorama (Stift)

6.2.2018 Marchtrenk, Café Zwieb

8.2.2018 Linz, Stifterhaus

 

Inspektor Dr. (?) Buchinger

Ist Chefinspektor Buchinger ein gewöhnlicher Mensch? Mayer behauptete ja einmal, das einzig Auffällige an Buchinger wäre seine Unauffälligkeit.

Wenn man unter „gewöhnlich“ „ordinär“ verstehen will, sicher nicht. Man denke nur an seine Vorliebe für barocke Musik, insbesondere Kantaten, und an seine Leidenschaft für korrekte Sprachverwendung, insbesondere für die regelkonforme Stellung der Personalform. Die Frage ist vielmehr: Ist Buchinger normal im Sinne von angepasst?

Was für die These spricht, Buchinger sei ein ganz normaler Mensch: Er ist geschieden. Dieses Schicksal – Buchinger würde sagen: diese glückliche Fügung – teilt er mit knapp 50% der ehemals Verheirateten. Er ist im Dauerkrieg mit seinem Nachbarn. Er hat Probleme mit der Obrigkeit. Da er aus Wels kommt, hält er sich für einen Städter (!), der sich nicht gern mit Landeiern wie jenen aus Stadl-Paura abgibt. Diese Überheblichkeit ist leider nicht selten, wie Buchinger ab und zu bei Kontakten mit den Kollegen aus Linz und Wien erfahren muss. Da ist nämlich er das Opfer der Überheblichkeit. Er liebt technische Gadgets und Bier. Welcher Mann tut das nicht? Er macht sich erst in fortgeschrittenem Alter Sorgen um seine Gesundheit. Seine „logischen“ Schlüsse gehen nicht selten in die Irre. Schöne Frauen gefallen ihm besser als schiache. Er hat ein Sofa in seinem Wohnzimmer.

Was dagegen spricht: Er hat ein Sofa in seinem Wohnzimmer, aber nur als Relikt seiner Versuche, so zu sein wie die anderen. Oder: Mayer hat uns einst in einem vertraulichen Gespräch anvertraut, nicht einmal Bellucci wisse, wo Buchinger seinen Doktortitel gemacht habe. Normal ist das ja wirklich nicht. Bei Buchingers Leidenschaft für verbotene Transaktionen im darknet ist es leicht möglich, dass der akademische Titel nichts anderes ist als ein Fake. Um seine Chefin zu ärgern? – Weiters: Ganz Österreich scheint kein anderes Ziel zu haben als die Pensionierung, nur Buchinger möchte weiterarbeiten. Er würde am liebsten auch mit 65 noch nicht in den „wohlverdienten Ruhestand“ gehen. Vielleicht ist er gar kein Österreicher? Oder nicht ganz normal? – Noch ein Beispiel: Buchinger sieht überall Zusammenhänge: Er sucht nach arithmetischer Ordnung in Zahlenfolgen, er kann Zeugenaussagen wortgetreu wiedergeben wie ein Autist (man denke nur an den Drohbrief, in dem er ziemlich rasch eine verblüffende Parallelität auffinden kann).

Traun

1. mhd. traun, eine Interjektion mit der Bedeutung fürwahr, wahrhaftig. Unseres Wissens besteht kein Zusammenhang zu den geografischen Namen Traun (Fluss bzw. Stadt).

2. Das Buchstabenmaterial von „Traun“ ist unbestritten eine fruchtbare Quelle für Anagramme. Aus den fünf Zeichen lassen sich stolze fünf sinnvolle Wörter konstruieren: Traun – Natur – Unrat – Unart – traun

3. Stadt in Oberösterreich, Bezirk Linz-Land

4. Der Fluss Traun gehört zu den mächtigsten identitätsstiftenden Kräften Oberösterreichs. Die Traun entspringt zwar im steirischen Teil des sog. Toten Gebirges, prägt aber das Erscheinungsbild und über Jahrhunderte auch das Wirtschaftsleben nicht nur des berühmten Salzkammerguts, sondern auch des Voralpenlandes bis Linz. Sie ist Namensgeberin einer Stadt und eines ganzen Viertels von Oberösterreich, des Traunviertels. Auf ihrem Weg durchfließt die Traun mehrere Seen, darunter den Hallstätter See und den Traunsee, und sie passiert das für die oberösterreichische Seele nicht minder wesentliche Massiv des Dachsteins und vor allem den Traunstein am Traunsee. Für einen echten Oberösterreicher ist nicht nur klar, dass die Jahrhunderte währende Streiterei, zu welchem Bundesland der Dachstein eigentlich gehöre, zugunsten seiner Heimat entschieden werden müsse, sondern auch, dass er zumindest einmal in seinem Leben den Traunstein erklommen hat. Insofern ist die Traun, die ihr Gesicht von der Quelle bis zur Mündung zigmal verändert, für das Selbstverständnis der hier ansässigen Menschen mindestens ebenso bedeutend wie der Linzer Pöstlingberg oder die Enns oder die Donau, die man sich ja bekanntlich mit vielen Regionen vom Schwarzwald bis zum Schwarzen Meer teilen muss. Die Traun hingegen ist fast pures Oberösterreich. Vom Salzkammergut her kommend, kämpft sie sich nördlich von Gmunden wild durch die sog. Traunschlucht und tritt bei Stadl-Paura ins Alpenvorland ein. Hier, in Stadl-Paura, der Metropole des Voralpenlands mit den schönsten Frauen und der in weitem Umkreis beneideten Lebenslust, passiert die Traun den berühmten Altaussteiger, einen historisch bedeutenden Ort (→ siehe dazu auch den genialen philosophischen Roman „Altaussteiger“).

 

Zur Entstehung

Wer einmal die Geschichte von der schiffbar gemachten Traun gehört hat, nämlich wie die Salzschiffe gleichsam auf einer Rutschbahn von Gmunden nach Stadl-Paura gerauscht sind, der kann sich dieser Faszination kaum entziehen.

Weiters ist die Traun in diesem Abschnitt von einer funkelnden Schönheit und Unberührtheit, wie ihr Anblick weiter flussabwärts, in der Gegend von Linz, nicht vermuten ließe: Dort ist sie ein träger, bleierner, trüber Fluss.

Drittens haben die einzelnen Teilstrecken sprechende Namen, die zum Erfinden von Geschichten anregen: Diebshaus etwa (kommt im Roman vor) oder der ebenfalls wirklich existierende „Altaussteiger“. Heute erinnern lediglich zwei Felsen an diese Stelle. Wer schließlich das verträumte Museum der Schiffleute besucht, ein wunderschönes Haus aus dem 17. Jahrhundert (kommt im Roman vor), den lässt die Geschichte der Salzschifffahrt nicht mehr los. Die Ambivalenz der Gottesfurcht und gleichzeitigen Aufmüpfigkeit der Salzschiffer ist eine derart faszinierende Angelegenheit, dass man sich ihrer lediglich mit dem Schreiben (oder dem Lesen) eines Romans namens „Altaussteiger“ erwehren kann.

Altaussteiger

Alt|aus|stei|ger, der, Nomen, mask.:  (→ siehe auch: Altausspringer) 1. Stelle an der schiffbaren Traun zwischen Gmunden und Stadl-Paura. Hier stiegen bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts die älteren Schiffer aus und machten sich auf den Rückweg nach Gmunden. Die Verkürzung des Fußwegs sollte das Leben für die Arbeiter leichter machen; gleichzeitig half diese Lösung Hafengebühren sparen, die sich unter anderem nach der Anzahl der Schiffer auf den Salzschiffen, den sog. Traunern, bemaßen. 2. (metaphorisch) älterer Mensch, der aussteigt, d.h. sich den Normen der Gesellschaft durch Denken und/oder Handeln zu entziehen sucht (, nachdem er sich diesen ein Leben lang brav untergeordnet hatte); in unseren Breiten meist zivilisations- bzw. konsumkritische Haltung (→ siehe auch: Hippies, Althippies, Alt68-er). Häufig pejorativ verwendetes Synonym für Loser oder Sozialschmarotzer, vor allem durch die Beobachtung beflügelt, dass es vielen Alten ökonomisch sehr gut geht, während die Jungen bluten. 3. genialer philosophischer Roman von Roland Luft (September 2017, Verlag Nina Roiter) mit Anleihen aus der etwa 3000-jährigen Philosophiegeschichte.